Was Biofilm eigentlich ist

Ein Biofilm ist eine strukturierte Gemeinschaft von Mikroorganismen, eingebettet in eine selbst produzierte Matrix aus extrazellulären polymeren Substanzen (EPS). Diese Matrix ist eine Mischung aus Polysacchariden, Proteinen und DNA-Fragmenten, die zusammen eine Art schützende Schleimschicht bildet. In dieser Schleimschicht leben tausende verschiedene Arten dicht beieinander: nitrifizierende Bakterien (Nitrosomonas, Nitrospira), heterotrophe Bakterien, Diatomeen, Wimperntierchen und mehr. Im Wassertropfen auf einem reifen Hardscape-Stein leben oft 10^7 bis 10^9 Mikroorganismen pro cm². Das ist nicht „dreckig", sondern die Grundlage des biologischen Gleichgewichts.

Warum der Film unverzichtbar ist

Der Biofilm erfüllt vier zentrale Funktionen. Erstens, er führt den Stickstoffkreislauf durch: NH4 wird zu NO2 zu NO3 oxidiert. Zweitens, er baut organische Substanzen ab: tote Pflanzenteile, Futterreste, Detritus. Drittens, er bietet Nahrung für Garnelen, Schnecken und Jungfische, die den Film abweiden. Viertens, er stabilisiert das Beckenmilieu gegen schnelle Änderungen. Ein neu eingerichtetes Becken hat noch keinen ausgereiften Biofilm, deshalb reagiert es empfindlich auf jeden Eingriff. Nach 60 bis 90 Tagen ist der Film so robust, dass er auch größere Lastspitzen (z.B. eine Fütterung mit überschüssigem Lebendfutter) ohne Wasserwertschwankungen wegsteckt.

Die Einlaufphase im Zeitraffer

In den ersten 7 Tagen besiedeln schnellwachsende heterotrophe Bakterien jede Oberfläche. Das Wasser kann milchig werden („Bakterienblüte"), weil sich planktische Bakterien massenhaft im Freiwasser vermehren. Tage 7 bis 21: die nitrifizierenden Bakterien wachsen langsamer und siedeln sich an. Erste NO2-Spitze, oft Tag 10 bis 20. Tage 21 bis 60: NO2 sinkt, NO3 steigt, der Film wird strukturierter. Sichtbar oft als bräunlicher Belag auf Glas und Hardscape (Diatomeen oder „Kieselalgen"). Tage 60 bis 120: der Diatomeen-Belag wird von der reifen Mikrofauna verdrängt, das Becken stabilisiert sich endgültig. Wasser wird klarer, neue Pflanzentriebe wachsen sichtbar schneller.

Den Film fördern statt bekämpfen

Viele Aquascaper machen den Fehler, zu früh zu putzen. Wer in den ersten 4 Wochen jeden Diatomeen-Belag wegschrubbt, vernichtet immer wieder die sich aufbauenden Mikrokulturen. Die Kieselalgen kommen wieder, weil der Konkurrent fehlt. Besser: in der Einlaufphase nur das nötigste reinigen (Frontscheibe, Sichtbereich). Hardscape und Rückwand bleiben in Ruhe. Wer die Reifung beschleunigen will, animpft mit Filtermaterial aus einem reifen Becken. Ein Esslöffel Mulm aus einem 1 Jahr alten Filter bringt mehr als jeder kommerzielle Filterstarter. Bakterien-Starter (z.B. Söll FilterAktiv, JBL Denitrol) helfen, ersetzen aber keinen reifen Filter.

Filterpflege ohne Filmverlust

Filtermaterial niemals unter fließendem Leitungswasser ausspülen. Chlor und Temperaturschock töten die Bakterien. Stattdessen: Filtermedium in einem Eimer mit Beckenwasser ausschwenken, leicht ausdrücken, zurück in den Filter. Das geht nur, wenn der Filter wirklich verstopft ist, also der Durchfluss sichtbar nachgelassen hat. Bei einem gut dimensionierten Filter ist das maximal alle 3 bis 6 Monate nötig. Filtermedien sollten nicht alle gleichzeitig getauscht werden. Ein typisches Vorgehen: in einem 3-Korb-Filter ein Korb pro Wartung, mit 6 Monaten Abstand zwischen den Körben. So bleibt der Biofilm im System erhalten, während alterndes Material schrittweise erneuert wird.

Glanz und Wasserklarheit

Ein reifer Biofilm sorgt für den berühmten Glanz, den Aquascaper „Crystal Clear" nennen. Das Wasser wirkt nicht nur klar, sondern fast brilliant. Der Effekt entsteht, weil reife Bakterienpopulationen feinste organische Partikel (DOC, gelöste organische Kohlenstoff-Verbindungen) effizient abbauen. Frische Becken haben oft eine leichte Trübung, die sich erst nach 2 bis 3 Monaten verliert. Wer den Effekt beschleunigen will, nutzt Aktivkohle für die ersten 4 Wochen oder ein Vlies im Filter. UVC-Klärer sind eine Alternative bei hartnäckiger Bakterienblüte, sollten aber nicht dauerhaft laufen, weil sie auch die nützlichen Schwebebakterien töten. Geduld ist meistens die bessere Antwort.

Biofilm als Garnelennahrung

Caridina- und Neocaridina-Garnelen ernähren sich zu einem großen Teil vom Biofilm. Sie weiden Glasflächen, Hardscape, Pflanzen und Bodengrund permanent ab. In einem frisch eingerichteten Becken finden Garnelen wenig Nahrung, deshalb gilt die Faustregel: Garnelen erst nach 6 bis 8 Wochen einsetzen, wenn ein erster reifer Film vorhanden ist. Wer Bienengarnelen frisch in ein 14 Tage altes Becken setzt, verliert oft die Hälfte des Bestandes in den ersten 2 Wochen. Junge Garnelen brauchen den Biofilm besonders dringend, weil sie keine größeren Futterpartikel verdauen können. Erlenzapfen, Catappa-Blätter und Mooorkienholz fördern die Filmbildung. Eichenblätter oder Buchenlaub funktionieren ebenso und sind günstig.